Der m(ech)anische Comiczeichner

Wie Comics entstehen. Vom Jähling.


Donnerstag, 4. August 2016
Who Ya Gonna Reboot?
Inspiriertwerden

(Warnung: Dies ist keine Rezension des neuen Ghostbusters-Films. Wer wissen will, wie ich ihn fand, kann das in der später erschienenen englischen Fassung nachlesen.)

Heute läuft auch hierzulande der neue Ghostbusters-Film an, dann erfahren wir endlich, ob er die ganze Aufregerei in den letzten Monaten wert war. Ich freue mich drauf, wie ich ja gelegentlich schon habe durchblicken lassen. Ich weiß, die Trailer, die es bisher so zu sehen gab, haben nicht allen, die sich dazu geäußert haben, so hundertprozentig gefallen, und einigen glaube ich sogar, dass das nicht am Geschlecht des neuen Teams lag. Der Humor sei anders, die Geister nicht gruselig, die Effekte digital…

Solchen Kritikern kann ich nur sagen: Ihr müsst ihn ja nicht gucken. Ehrlich, tut euch und uns, die ihn genießen wollen, einen Gefallen und guckt irgendwas anderes. Das könnt Ihr dann meinetwegen auch mit dem Original-Ghostbusters vergleichen. Ich jedenfalls fand die Geister genauso witzig und so wenig gruselig wie damals, den Humor genau so "mal hier, mal da" und die Effekte… ich bin ja auch kein Digitalfan, aber zumindest die Ästhetik schien mir sehr respektvoll gegenüber dem Original. Und was alles andere angeht, hoffe ich sogar, dass sie es modernisiert haben. Denn so wie damals macht man heute keine Filme mehr. Und das ist auch gut so.

Die prominenteste Kritik ist natürlich, dass es sich um Ghostbusterinnen handelt. Ich will hier nicht auf das Gejammer von Leuten eingehen, die ihre Jugend ruiniert sehen, weil sie jetzt erst merken, dass sie die ganze Zeit ebensogut Frauen hätten cool finden können - denen ist eh nicht zu helfen. Aber eine Frage, die immer wieder aufkommt, will ich doch kurz anreißen: Kann man, wenn man schon eh alles neu macht, nicht einfach alles neu machen, inklusive des Titels?

Die Frage ist interessant, missversteht aber, wie Hollywood funktioniert. Neue Titel sind immer ein Risiko, und Hollywood mag keine Risiken. Je größer und teurer die Filme werden (und sie werden ständig größer und teurer), desto sicherer soll die Investition sein. Und bekannte Marken sind da ein ebensogutes Zugpferd wie bekannte Stars. Ich will auch neue Heldinnen sehen, aber ein ganz neuer Film mit ähnlicher Prämisse und einem weiblichen Team hätte heute große Schwierigkeiten, finanziert zu werden, zumindest in der Größenordnung.

Gleichzeitig wollen die Studios aber auch modern sein, deshalb können sie die alten Verteilungen von Hautfarben und Geschlechtern nicht einfach beibehalten. Zumindest ein paar der Nebenrollen sollte man aufmischen, wenn man sich schon nicht an die Hauptrollen traut. Selbst wenn Harold Ramis noch leben und der neue Ghostbusters-Film direkt auf den alten Helden aufbauen würde, gäbe es mit Sicherheit neue Teammitglieder, und die wären nicht alle weiß und männlich. Und bei einem neuen Team sowieso - jede* neue Version der Ghostbusters hätte heute mehr Frauen drin. Und statt das zu verstecken wie damals den einzigen farbigen Ghostbuster bei der Promotion, machen sie es richtig offensichtlich und drehen die Geschlechterungerechtigkeit einfach um.

Im Moment gibt es ja einen Trend zu solchen etwas stuntigen Neuinterpretationen. Oder vielleicht ist es noch kein Trend, sondern das Tun von sehr engagierten Individuen, aber die scheinen jetzt bessere Chancen zu haben, solche Projekte anzuschieben:
  • Im neuen Star Trek hat Sulu ein Kind mit einem anderen Mann. Eine Hommage an Sulus schwulen Originaldarsteller George Takei, auch wenn der das doch lieber mit einer neuen Figur gesehen hätte.
  • In Arbeit soll auch ein neues Ocean's Eleven-Spinoff sein - mit acht Frauen. Ob das dann eine neue Adaption ist mit geschlechterverdrehten Originalrollen oder ein anderes Team in dieser Welt, weiß ich nicht.
  • Gerade hat Disney angekündigt, den ollen Rocketeer neu zu verfilmen - mit einer Afroamerikanerin als Hauptfigur. (Und sogar da beschweren sich Leute. Wie traurig muss eine Kindheit sein, wenn sie durch die Erinnerung an den Rocketeer ruiniert wird?)
  • Es gibt sogar Gerüchte, dass der nächste James Bond eine Frau sein soll, seit die Produzenten eine Änderung angeteasert haben. (Natürlich alles Gerücht und Wunschdenken. Im Moment ist nicht mal raus, ob's nicht doch erstmal wieder Daniel Craig wird.) Dann wäre "James Bond" ein Codename wie M oder sie hieße Jane Bond oder so. Ersteres wäre natürlich höchst unkanonisch und letzteres eher überflüssig, denn James Bond ist ein Charakter mit bestimmten Zügen, und männliche Privilegiertheit war immer einer davon. Es gibt aber absolut keinen Grund, weshalb 007 unbedingt ein Mann sein muss.
Im Comicbereich gibt es natürlich Thor und demnächst Iron Man in weiblich sowie schon länger Spiderman in schwarz-latino. In all diesen Fällen gibt es Forderungen, dass man doch lieber neue Helden nehmen sollte statt die alten zu verbiegen. Ich denke aber, dass die Aufmerksamkeit, die mit solchen Umwidmungen kommt, der Entwicklung einer neuen Selbstverständlichkeit zugute kommt, die wir erst noch brauchen. Langfristig führt das dann, wenn die neuen Versionen Erfolg haben, hoffentlich auch zu mehr neuen Figuren aus nicht-weißmännlichen Kreisen. Der Griff auf bereits etablierte Franchises sowie die Kontroverse jedes Mal ist ein notwendiger Zwischenschritt, um die überfällige Entwicklung zu beschleunigen.

Dass es extra Aufmerksamkeit bringt, wenn dies mit bekannten Figuren passiert, kann ja niemand bestreiten - wenn einfach nur neue weibliche Figuren eingeführt werden, ist das zwar toll, aber kaum eine Sensationsmeldung, nicht mal im heutigen Hollywood. Das gilt, bei allem Respekt für den wunderbaren George Takei, auch für Sulu.

Aus künstlerischer Sicht erlaubt es auch eine neue Perspektive auf die alten Tropen, die einen Titel groß gemacht haben. Auf die Selbstverständlichkeiten, die mit einer etablierten Figur nie hinterfragt wurden. Funktioniert ein 007-Film ohne objektivierte Wegwerffrauen? Welche Dynamik entwickelt ein rein weibliches Team gegenüber einem rein männlichen, wenn alles andere mehr oder weniger gleich bleibt? Ich finde das schon deshalb interessant. Aber ums Künstlerische geht es den Produzenten nicht. Es geht ihnen darum, möglichst viel Geld zu machen, und sie haben eher nebenher, zwischen Risikovermeidung und Aufmerksamkeiterhaschung, einen Weg gefunden, ihre verstaubten Besetzungslisten zu modernisieren. Ich sehe das als Gewinn auf allen Seiten.

So lange Leute in die Reboots und die Remakes und die Sequels und Prequels und Inbetweequels von bekannten Filmen gehen, wird Hollywood sie produzieren und jederzeit einem riskanten neuen Projekt vorziehen. Ob wir das brauchen,sei dahingestellt. Nur manchmal ist ein Reboot sogar überfällig - dann nämlich, wenn das Original so veraltet ist, dass man es einfach nicht mehr zeigen kann. Tricktechnisch wie der jeweils vorletzte King Kong - oder politisch, denn viele alte Filme haben Rollenverteilungen und Botschaften, die man dringend ein bisschen schütteln, nicht rühren sollte. (Sorry, konnt's mir nicht verkneifen.)

Bleibt die Frage, warum nicht mehr Filme mit etablierten Heldinnen gemacht werden. Siehe Black Widow. So was kommt langsam - viel zu langsam - ins Rollen, in Arbeit sind schon Filme mit Wonder Woman und Captain Marvel. Und, weil es nicht nur um Frauen geht, sondern auch um nichtweiße Männer, mit dem Black Panther. Warum geht das aber so langsam, wenn es andererseits jetzt weibliche Ghostbusters gibt, nach denen niemand gefragt hat?

Es wurde oft beschrieben, dass Hollywood Superheldinnen als zu riskant sieht. Als vermintes Gelände, spätestens seit die letzten beiden Versuche in der Richtung - Catwoman und Elektra - gefloppt sind. Heldinnen, selbst etablierte, gelten als weniger publikumswirksam. Vielleicht sehen die Produzenten sogar weniger Potenzial in etablierten Heldinnen als in etablierten Helden, wenn letztere gar nicht im Film vorkommen. (Andererseits - Rocketeer?). Vielleicht wiegt die zusätzliche Aufmerksamkeit für den Geschlechter-Stunt das Risiko auf.

Ich habe den neuen Film noch nicht gesehen und kann ihn nicht beurteilen. Nach dem, was ich bisher aus den USA höre, ist er aber wohl gelungen, wenn auch nichts, woran man noch lange denken wird. Man vergisst vor lauter Drüberdiskutieren ja leicht, dass es "nur" eine unterhaltsame Komödie ist und auch gar nichts anderes sein will. Egal. Mein Vorsatz ist jedenfalls: Wenn ich den Film nicht mag, dann wird das zu seinen eigenen Bedingungen sein und definitiv aus keinem der Gründe, die ihm seit dem Frühjahr vorgeworfen werden. Denn, ganz ehrlich, die sehe ich nicht. Und was die andere Frage angeht - warum dieser Titel? Warum Figuren umwidmen, wenn man auch neue schaffen kann? -, da kann ich nur sagen, dass das kein Gegensatz ist. Ich will jedenfalls beides sehen.

*) Ergänzung: Wie ich gerade in
diesem wunderbaren Artikel von Harold "Spengler" Ramis' Tochter Violet Ramis Stiel gelesen habe, hatte ich mit diesem "jede" mehr recht als ich dachte. Das war genau die Richtung, in die Ramis vor seinem Tod überlegt hat. Kluger Mann, dieser Ramis.

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