Der m(ech)anische Comiczeichner

Wie Comics entstehen. Vom Jähling.


Mittwoch, 29. Juni 2016
Das Problem mit Comfort Food: Die richtige Messe für das richtige Zeug
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So, das war die Messesaison. Also, für mich, fürs Erste. Es gibt noch ein paar Messen bis zum Sommer, aber da bin ich nicht bei, und dann muss ich entscheiden, was ich im Oktober mache - Essen trotz fehlgeleiteter Standgebühr oder Berlin, was auch nicht billig wird. Aber das ist dann.

Die Messen waren … interessant, vor Allem im Vergleich. Erlangen, das traditionelle Klassentreffen der Comicszene, war wie immer eine Sause, aber ich habe im Netz schon einige Einschätzungen gesehen, die nicht ganz die von den Veranstaltern genannten Besucherzahlen geglaubt haben (irgendwas um 24.000 Besucher). Das wären genauso viele wie in den letzten Jahren. Kann schon sein, dass sie sich diesmal nur mehr verstreut haben oder einfach nicht an unserem Stand (und denen der anderen Zweifler) waren. Oder dass ihnen einfach das Geld nicht mehr so locker saß wie früher. Oder dass wir einfach out sind.

Die Comic Cons dagegen (Hannover und Stuttgart) sind in vieler Hinsicht völlig anders. Erstmal mehr Besucher, zumindest in Stuttgart. Und die haben schon im Vorfeld sowie auf der Messe eine Menge Geld hingelegt, für VIP-Tickets, Fotosessions mit Nathan Fillion (und anderen tollen Leuten, aber Fillion kostete als einziger 100€ pro Foto), Autogramme und Merchandise. Nur um Comics ging's halt nicht so, auch wenn die Veranstalter in Stuttgart sich sehr darum bemüht haben und sich auch sehr aufnahmebereit für Kritik zeigten, um's nächstes Mal besser zu machen. (Mein Fazit: Comic Zone und vor allem den Zeichnerbereich zentraler und sichtbarer (hallo hässliche Stellwände!) platzieren und vielleicht nicht nur Nathan Fillion durchsagen, sondern auch Zeichner-Signierstunden und so, damit sich's mehr wie eine Comicveranstaltung anfühlt.)

Wo fahre ich da eigentlich hin?

Das ist halt der Unterschied, den muss man möglichst schon beim Packen berücksichtigen. Das eine ist eine Comicmesse, die, ganz Fachmesse, den Fokus auf Neuerscheinungen und Verlage hat, das andere ist eine Comic Con, die mit Comics etwa so viel zu tun hat wie Comics mit Komik: Kann drin sein, muss aber nicht. Und man wird ständig danach gefragt.

Ferner gibt es noch Börsen, wo der Fokus auf alten Comics liegt, angeboten von Händlern für Sammler, und Mangaconventions, die ich mir vor Allem als Cosplayertreffen vorstelle, aber ich war noch nie bei einer, außer der Leipziger Buchmesse das eine Mal, kann das also nicht beurteilen. Plus natürlich Mischformen.

Als Zeichner und Selbstvermarkter muss man die verschiedenen Messen unterschiedlich bespielen, mal mehr mit Comics und mal mehr mit Merchandise oder Fan Art. Aber so richtig wissen kann man's nie. In Stuttgart gingen Comics zum Beispiel deutlich besser als in Hannover, auch wenn ich immer noch einen großen Teil meines Umsatzes mit Postern und Postkarten gemacht habe.

Und dann bleibt ja noch die Frage, was man wirklich anbieten will.

Comfort Food

Kollege David Füleki hat neulich auf Facebook einen lesenswerten Kommentar zu Fan Art abgegeben, der das mal aus anderer Persektive problematisiert als immer dieses Gehört-doch-Verboten: Seine Beobachtung ist, dass Fan Art - besonders aufwändige, gedruckte - in den Zeichneralleen immer weiter die Comics verdränge, was vor allem deshalb doof zu finden sei, weil Bilder von bekannten Helden auf Käufer wirken wie Comfort Food: Man muss sich nicht reinarbeiten wie in einen neuen Comic. Man sieht's und will's haben. Und dann bleibt weniger Geld für den Comic am Nebentisch.

Das mit dem Verdrängen weiß ich ehrlich gesagt nicht. Kann aber sein. Was ich sehe, ist, dass die Leute, die früher vielleicht mal eine Mappe mit Originalen da liegen hatten, sich seitdem professionalisiert haben und allen möglichen Nippes anbieten sowie halt Drucke ihrer Zeichnungen. Während wir Comicleute vielleicht nicht weniger werden, aber durchaus weniger präsent. Und wir haben ja auch immer mehr anderes Zeug, wie ich mit meinen Postern und Postkarten und Originalzeichnungen. Die haben sich einfach im Lauf der Zeit als gute Präsentationsform für einige meiner Ideen ergeben, und das läuft ja auch ganz gut, nimmt aber ein bisschen den Fokus von den Comics.

Was ich auf jeden Fall aus eigener Ansicht bestätigen kann, ist der Comfort-Food-Effekt. Da habe ich mich schon öfter mit Kollegen drüber unterhalten, die auch mal eigene Motive ausprobiert haben und dann doch auf ihren Freddy- oder Batman-Motiven hängengeblieben sind, weil die sich nun mal verkaufen. Bei mir ist es keine Fan Art, aber ich beobachte einen ähnlichen Effekt bei Motiven wie Alien vs. Ducks oder Walking the Dead. Die sind leicht erfasst und lösen einen schnellen Reflex aus. (Nicht immer einen Kaufreflex, aber Reaktionen kriege ich viele.) Die Comics dagegen nimmt man auf, dann erzähle ich ein bisschen darüber, dann ist es vielleicht nicht das Richtige und ganz vielleicht finden sie mich nett und versuchen noch einen zweiten und der ist es dann. Vielleicht aber auch nicht. Viel schwerer zu verkaufen. Kommerziell wäre es wahrscheinlich nicht das Dümmste, mich ganz auf Poster, Drucke und Postkarten zu verlegen.

Bis auf zwei Kleinigkeiten.

Erstens, ich bin Comiczeichner. Genauer, Comicautor. Ich mache auch Grafik und Illustration und Layout und all das, aber meine eigentliche Stärke ist das Erzählen. Das nicht in den Vordergrund zu stellen, wäre vielleicht doch ein bisschen dumm.

Zweitens, das Problem mit Comfort Food: Man kriegt es überall. Meine Art zu erzählen habe dagegen nur ich. Wer meine Comics liest und gut findet, findet nur bei mir mehr davon. Das funktioniert auch über die Titelgrenzen hinweg: Die meisten Leser, die ich kenne, lesen nicht nur Conny oder Olga, sondern alles von mir. Wer dagegen Alien vs. Ducks kauft, wird vielleicht noch mehr mit dem Humor suchen. Aber wahrscheinlicher ist, dass derjenige vor Allem auf den Alien-Bezug (oder den Disney-Bezug) scharf war, und Motive mit diesem Bezug findet man überall.

Oh, und drittens sind Comics schwerer und ich bin froh über jede 200g, die ich nicht mit nach Hause schleppen muss.

Geschäft oder Investition?

Versteht mich nicht falsch, ich freue mich über jeden Kunden, bin allen dankbar und unterteile sie gewiss nicht in "Klassen". Ich will auch auf keinen Fall verallgemeinern: Es kann natürlich sein, dass wenn schon nicht das rein visuelle Alien vs. Ducks, die neue Katzenpostkarte einen Leser so begeistert, dass dieser sofort nach mehr von mir sucht. Nur, die Karten laden nicht von sich aus direkt dazu ein. Die Comics schon.

Zum Geldverdienen auf Messen sind die schnell erfassbaren, grafischen Motive unschlagbar (auch auf dem Comicsalon übrigens, die Besucherpsychologie unterscheidet sich da nicht so sehr, nur die Bereitschaft, sich einen Comic Pitch anzuhören, ist größer). Noch besser sind wahrscheinlich Dinge, die nicht jeder hat. Comicwerks Guido Neukamm und ich haben auf der Rückfahrt aus Stuttgart ein wenig über mögliche Action-Figuren schwadroniert… Um aus den Käufern aber Leser zu machen und wiederkehrende Kunden, eignen sich die Comics immer noch am Besten. Zumindest für mich als Autor.

Deshalb die Frage vorhin: Was will man wirklich anbieten? Anders ausgedruckt: Als was will man sich präsentieren? Denn wenn man nicht gerade einen Riesengewinn mit einer Messe macht, ist sie eben eher eine Investition als ein Geschäft. Und dann fragt sich schon: Investition in was?

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Die Bilder in groß und ein paar mehr davon findet Ihr in meinem Tumblr-Post über die Stuttgart-Messe.

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