Der m(ech)anische Comiczeichner

Wie Comics entstehen. Vom Jähling.


Dienstag, 21. Oktober 2008
Oberschichtenfernsehen
Inspiriertwerden
- Sie lesen wohl lieber Dürrenmatt!
- Ja.
- Na, dann lesense doch Ihren Dürrenmatt.
(Max Goldt: Dürrenmatt, 1986)

Kommerzielle Verwertung, knapp eine Woche danachMit einiger Verspätung (ich habe keinen Fernseher und musste mich anderer Medien bedienen) habe ich jetzt Marcel Reich-Ranickis Fernsehpreis-Abfuhr und die anschließende Fernsehdiskussion zwischen ihm und dem derzeitigen Preisträger für Reich-Ranickis Lebenswerk, Thomas Gottschalk, gesehen.

Die Berichterstattung über den Konflikt hatte ich mit einiger Genugtuung verfolgt. Ich konnte den Reich-Ranicki gut verstehen, ich finde den Großteil des Fernsehprogramms auch blöd. Dass das Fernsehen Mist bringt, halte ich dabei nicht mal für ein Problem. Dass der Mist dann statt intelligenter Progamme mit Fernsehpreisen gewürdigt wird, allerdings schon. In derselben Veranstaltung wurde die Dieter-Bohlen-Pöbelei DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR zur besten Unterhaltungssendung gekürt! Den gleichen Preis, nur in einer anderen Sparte, dann Reich-Ranicki zu geben, ist schon irgendwie beleidigend. Ich würde mich auch nicht gerne in eine Kategorie mit Bohlen stecken lassen. Naja, vielleicht die Gehaltskategorie.

Am Freitag zeigte das ZDF, was bei Gottschalks Schlichtungsbemühen herausgekommen war. Eine Diskussion zwischen zwei Leuten, die sich in ihrer Weise immer schon gerne über Niveauloses beschwert haben, aber völlig andere Strategien haben, ihrem Unbehagen Geltung zu verschaffen. Und unterschiedliche Vorstellungen von Niveau sowieso.

Kann das Publikum wollen?*

Gottschalks Verteidigung des bestehenden Fernsehens hat zwei Stützen: zum Einen betont er die Vielfalt, die neben einer niveauvollen Reportage eben auch irgendwelche Blödeleien mit sich bringen müsse, weil nun mal nicht jeder Bildungsfernsehen sehen wolle. Das ist ein Totschlagargument, das in solchen Fällen immer kommt und die Gefährlichkeit dümmlicher Massenprogramme herunterspielt, die eben darin liegt, dass es Massenprogramme sind. Und zum Anderen seine Überzeugung, dass man jener Masse nicht mit Niveau kommen könne. So sagt er, mit einer Shakespeare-Adaption könne man einen heutigen Siebzehnjährigen nicht erreichen.

Reich-Ranicki kritisiert, dass sich die Intelligenz völlig aus dem Breitenfernsehen zurückgezogen habe und nur noch im Exil bei ARTE lebe. Wo es niemand mitkriegt. Er vertritt den alten öffentlich-rechtlichen Anspruch, dass Fernsehen auch beim Unterhalten erziehen soll. Und Shakespeare könne man sehr wohl für ein "primitives" Publikum darbieten (seine Wortwahl, nicht meine).

Ich finde, sie haben beide Unrecht. Gottschalk ist ein bisschen näher an der Wirklichkeit des Fernsehens, aber das zeigt nur, dass Wahrheit und Wirklichkeit nicht immer dasselbe sind. Reich-Ranicki versteht mehr von Shakespeare, ruht sich aber zu sehr auf den Errungenschaften des Bildungsbürgertums aus und beschwert sich, dass das Fernsehen es ihm nicht gleichtut. Genausogut könnte man ein Flugzeug bitten, doch mal ein bisschen leiser zu sein.

Führt gutes Fernsehen vom Fernsehen weg?

Beide kommen von bestimmten Traditionen her und beziehen sich vor allem auf diese. Gottschalk kommt natürlich von den Shows. Sein Anspruch an Niveau ist, in WETTEN DASS auch mal jemanden auftreten zu lassen, der was zu sagen hat. Reich-Ranicki kommt gar nicht übers Fernsehen, sondern über den literarischen Bildungskanon, entsprechend sind seine Beispiele für gutes Fernsehen auch keine wirklichen Fernsehbeispiele. Stattdessen bezieht er sich auf Dürrenmatt, Brecht und eben Shakespeare.

Und da liegt der Fehler. Reich-Ranicki akzeptiert keine eigene Größe des Fernsehens, für ihn taugt es gerade mal zur Reflektion der Größe anderer, erhabenerer Medien. Der Literatur, die er in seinen Sendungen wiedergekäut hat, nicht um Geschichten zu erzählen, sondern um Leute zum Lesen (und damit vom Fernseher weg) zu kriegen. Des Theaters, weil es auch irgendwie Literatur ist, klassischerweise mehr dem Text als dem Bild verpflichtet. Und Gottschalk springt auf dieses Missverständnis an, vielleicht weil es seiner eigenen Agenda entgegenkommt, wenn Niveau im Fernsehen nicht nur nicht läuft, sondern gar nicht erst reingehört. Die Art, wie die beiden über die Verfilmung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" gesprochen haben, zeigt das Missverständnis. Natürlich gehen die Leute nicht am nächsten Tag los und kaufen sich Dürrenmatt-Bücher. Wenn das die ganze Wirkung des Films wäre, hätte er auch ganz klar sein Ziel verfehlt. Dürrenmatt hat das Stück doch nicht geschrieben, um seine anderen Stücke zu verkaufen, sondern um IN dem Stück eine relevante Aussage zu treffen. Wenn die in dem Film rüberkam, ist er gelungen. Wenn alles, was rüberkam, der Name Dürrenmatt ist, dann taugt der Film nichts.

Insoweit Fernsehen anderen Medien nacheifert, sich ihnen gar andient, kann es nur verlieren. Es kann nur einen Abglanz des Theaters bieten. Die Übertragung eines noch so tollen Stücks wird in niemandem die Lust am Theater wecken, höchstens das Gefühl, da etwas verpasst zu haben. Genauso wie eine Buchverfilmung uns nicht zu Lesern macht, egal wie gut sie ist. Vor Allem, wenn sie gut ist.

Was das Fernsehen gut kann

Wirklich gutes Fernsehen orientiert sich nicht an anderen Medien. Das Fernsehen hat seine eigenen Traditionen und Genres hervorgebracht, und wenn es die mit Qualität rüberbringt, ist das gut, egal was in der Zeit mit dem bürgerlichen Bildungskanon passiert. Mir fallen auf Anhieb Serien, Dokumentationen und Shows als fernseheigene Sparten ein. Sie kommen alle aus anderen Medien, haben es aber im Fernsehen zu einer eigenen Blüte gebracht.

Bei Shows denke ich nicht so sehr an WETTEN DASS und DSDS, denn diese Sendungen sind dermaßen auf einen vorausgesetzten Massengeschmack heruntergedünnt, dass Inhalte mit Substanz da eher unangenehm auffallen. Es gibt aber sehr gute Talkshow-Formate, in denen Leute tatsächlich mit mehr als ein paar Schlagworten zum Sprechen kommen, Comedyshows, die auch mal zum Denken anregen, und sogar Spielshows müssen nicht unbedingt seicht und öde sein.

Der Dokumentarfilm hat im Fernsehen sein eigenes Habitat. Seit Michael Moore kann man zwar auch im Kino damit erfolgreich sein, aber für die schnelle Doku zwischendurch ist die Flüchtigkeit des Fernsehens ideal. Hier ist der Qualitätsmaßstab der Programmdirektoren wahrscheinlich, wie aktuell und verbreitet das Thema ist, aber man kann auch nach der Tiefe der Bearbeitung, der Vielseitigkeit der Darstellung und nach dem Verhältnis von Text und Bild fragen. (Ergänzen sie sich oder ist eins im Grunde überflüsssig?)

Und dann die Serien. Für mich als Autor von Fiktion natürlich die Königsdisziplin des Fernsehens. Bei meiner Nachtschicht, wo ich außer Fernsehen nicht viel tun kann, gucke ich vor allem Serien. Das Besondere an der Serie ist, dass die "Production Values" zwar immer noch wichtig sind, aber gegenüber dem Kern der Erzählung in den Hintergrund treten, und der sind die Charaktere. Man guckt eine Lieblingsserie eben nicht wegen des Stils, sondern weil man sehen will, wie es den liebgewordenen Figuren weiter ergeht. Wenn diese Grundkonstellation in sich stimmt und etabliert ist, kann die Serie als Matrix für alle möglichen Themen herhalten, und weil es Fiktion ist, erfahren wir nicht nur etwas über diese Themen, sondern wir erleben sie. So ist es den Machern von VERONICA MARS gelungen, Themen wie Vergewaltigung mittels KO-Tropfen und Teenagerschwangerschaften zu verarbeiten, ohne dass es jemals moralisch oder aufgesetzt wirkte. Wie? Indem sie diese Themen einer Thriller- und Krimi-Matrix einverleibt haben. VERONICA MARS ist darüber hinaus noch erwähnenswert, weil die Erzählweise dieser Serie von einer Komplexität ist, die man im Mainstream-Fernsehen immer noch selten sieht.

90% von Allem ist Mist

Dass das Fernsehen vor Allem in Deutschland trotz dieses Potenzials oft so schlecht ist, liegt meiner Meinung nach daran, dass sich niemand genug für ein besseres Fernsehen interessiert, um es umzusetzen. Die Werbekunden sind froh, wenn eine Sendung den kleinsten gemeinsamen Nenner einer möglichst breiten Masse trifft, die Programmchefs sind froh, wenn es die Werbekunden sind, und das Publikum erwartet vom Fernsehen schon lange nichts Weltbewegendes mehr. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es überhaupt noch so viel gutes Fernsehen gibt. Das kommt von engagierten "Showrunnern", die es schaffen, ihre Leidenschaft und Kreativität mit den Erwartungen der Sender in Einklang zu bringen. Wenn es den Abnehmern egal ist, ob man eine gute Sendung produziert oder eine schlechte, warum nicht gleich sich selbst (bzw. dem eigenen Image) etwas Gutes tun und die bessere Sendung machen?

In seinem Buch EVERYTHING BAD IS GOOD FOR YOU bringt Steven Johnson hervorragend auf den Punkt, warum das heutige Fernsehen kein Grund zum Kulturpessimismus ist: Wir dürfen nicht das heutige Fernsehen mit der früheren Literatur vergleichen. Äpfel und Birnen. Wir müssen die Speerspitzen des heutigen Fernsehens (VERONICA MARS, LIFE, vielleicht BATTLESTAR GALACTICA) mit denen von "damals" vergleichen (MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE, THE PRISONER, STAR TREK), ebenso den heutigen Trash mit dem von damals. Erst dann können wir feststellen, was sich wirklich getan hat: Die Komplexität hat in allen Sparten zugenommen. Auch wenn wir nach den Genres gehen und, sagen wir, VERONICA MARS mit NANCY DREW vergleichen, kommen wir zu diesem Ergebnis. Das gleiche gilt für Spielshows heute/damals (vielleicht einfachere Fragen, aber deutlich komplexere Spielmechanismen - aber, ehrlich gesagt, da kenne ich mich nicht aus, das muss ich Johnson einfach mal glauben), Dokumentationen (komplexeres Verhältnis von Text und Bild, weitgehender Verzicht auf Kommentare, weil die Bild-Literalität der Zuschauer zugenommen hat) und so weiter.

Nicht nur im Fernsehen. Nie war zum Beispiel der Mainstream der Comics so aufregend wie heute!

Zu meinem bevorstehenden Geburtstag habe ich mir jedenfalls keine Literaturverfilmungs-DVDs gewünscht, denn ich will entweder ein Buch lesen oder einen Film gucken, und wenn der Film gut ist, dann ist es mir schnurz, ob es eine Buchvorlage gibt. Stattdessen freue ich mich auf die ersten Staffeln von VERONICA MARS, AKTE X und AUSGERECHNET ALASKA.
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*) Das war mein erstes Adorno-Referat.

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