Der m(ech)anische Comiczeichner

Max Vähling zeichnet Comics und redet darüber.


Dienstag, 17. September 2013
Die Wahrheit ist da draußen ... seit 20 Jahren!
Inspiriertwerden
Letzte Woche (am 10. 9.) ist eine meiner liebsten TV-Serien zwanzig Jahre alt geworden. Die Rede ist natürlich von Chris Carters X-Files oder, etwas sinnfreier, "Akte X - die unheimlichen Fälle des FBI" - ein Titel, der mich anfangs davon abgehalten hat, die Serie gucken zu wollen. Erst viel später habe ich zufällig in eine Folge reingezappt, die mich so begeistert hat, dass ich seitdem dabei geblieben bin. (Die Folge war "Humbug", das Skript-Debut von Darin Morgan, der sich schnell einen Ruf als Autor der durchgeknalltesten Folgen machte.)

Für alle, die im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst haben: Akte X ist die Geschichte der FBI-Agenten Fox Mulder (David Duchovny) und Dana Scully (Gillian Anderson), die unerklärlichen und deshalb im System hängengebliebenen Fällen nachspüren und dabei - neben dem Aufspüren zahlreicher "monsters of the week" wie außerirdischer Viren, Vampiren, Fischmenschen, unheimlichen kleinen Mädchen und eines sehr jungen Mark Sheppard - nach und nach eine fiese Verschwörung aufdecken, die die US-Regierung, Aliens, Mulders und Scullys Familien, manipulierte Impfungen und mit dem "Krebskandidaten" einen der besten TV-Bösewichter überhaupt umfasst.

Die Serie war so einflussreich, dass sie nicht nur tonnenweise Nachahmer hatte - für eine Weile konnte keine noch so banale Krimiserie ohne übernatürliches Element auskommen - sondern auch außerhalb des Fernsehens ein breites Interesse an Aliens und an Verschwörungen inspirierte, das bis in die Nuller Jahre nachwirkte. (Man denke an die ganzen Verschwörungstheorien zum Elften September, die übrigens, wie der Anschlag selber, in der Pilotfolge des X-Files-Ablegers The Lone Gunmen vorweggenomen wurden.) Die Titelmelodie wurde eine beliebte Tonfolge, die Leute pfiffen, wenn das Gespräch auf irgendwas unerklärliches kam. (Was die X-Files-Macher ihrerseits im zweiten Kinofilm zitierten, als Mulder bei seinem ersten FBI-Besuch seit langem einem Portrait von Präsident Bush gegenübersteht.)

So miusste man damals aussehen als Alien. Skizze von ca. 1997.
Allein für diese Einflüsse hat die Serie ihren Platz in der TV-Geschichte verdient. Ich habe mich selber immer wieder auf X-Files-erprobte Tropen eingelassen: Der erste Olga-Stark-Comic ist stark von Stefan Petruchas und Charles Adlards Comic-Ableger inspiriert, und auch das "vague" aus "terrain vague" verdankt sich nicht unwesentlich dem offenen Charakter der Serie, die oft mehr Fragen aufwarf als beantwortete. Aber auch auf der weniger inhaltlichen Ebene hat die Serie einen Einfluss gehabt, den man heute leicht übersieht, weil das andere inzwischen auch gemacht haben, der aber vieles erst möglich gemacht hat.

Zum einen ist da natürlich Scully. Heute redet man von starken, selbstbewussten Frauen im TV, als hätte Joss Whedon sie erst sechs Jahre später erfunden. (Tatsächlich hatte er seine Variante auch schon erfunden, aber das hatte - damals noch zu recht - kaum jemand mitgekriegt.) Und vor Buffy gab es tatsächlich erschreckend wenig weibliche Hauptfiguren, die sich über etwas anderes definierten als ihr Verhältnis zu männlichen Haupt- und Nebenfiguren. Scully inspirierte viele junge Frauen der Zeit, etwas Naturwissenschaftliches zu studieren. Einige Kommentatoren sprechen auch vom "Scully-Effekt". Sie stand als Naturwissenschaftlerin und Skeptikerin auch eher auf der Seite des Alltagswissens der Zuschauer und war so fast mehr Identifikationsfigur als Mulder, der eher eine Projektionsfigur blieb. Man wollte sein wie er, aber man war wie sie.

Wie wenig selbstverständlich weibliche Hauptfiguren waren, zeigen die Diskussionen zu der Zeit, in denen irgendwelche feministisch angelernten Fernsehenbösefinder Sachen sagten wie: "Okay, sie haben eine weibliche Hauptfigur, aber meistens muss dann ja doch wieder der Mann sie retten." Tatsache ist, das kam vor - aber mindestens genausooft war es Scully, die Mulder rettete. (Ich weiß nicht, ob die Autoren da gezielt drauf geachtet haben, aber mir kam's jedenfalls etwa halb-halb vor.) Als Soziologe weiß ich natürlich, dass wir die Wirklichkeit immer nur entlang der uns vertrauten Erkenntnismuster wahrnehmen - alles, was ihnen entspricht, wiegt mehr, und alles, was ihnen nicht entspricht, wischen wir weg. So ungewohnt war das damals.

Ebenfalls ungewohnt war, wie frei die Macher mit ihrem eigenen Format umgingen. Chris Carter erzählte später, dass die Sendung für viele Entscheider im Sender erst richtig funktionierte, als sie schon lief und sie das fertige Produkt sehen konnten, während sie mit dem Konzept vorher nicht viel anzufangen wussten. Vielleicht lag das daran, dass das Konzept offener war als sonst üblich - es gab nicht die feste Abfolge wiederkehrender Motive, stattdessen gab es mal Horror, mal Science Fiction, mal Verschwörungsthriller - manchmal wurde das Monster oder der Bösewicht identifiziert und gestellt, manchmal entkam es oder die Auflösung blieb ungewiss. Und manchmal erlaubten sich die Macher auch einfach völligen Blödsinn bis hin zur Selbstparodie, ohne dabei von der Mythologie abzuweichen. Dieses Tor haben besonders die - leider wenigen - Folgen von Darin Morgan weit geöffnet.

Überhaupt, die Autoren - das ist ein weiterer wesentlicher Aspekt. Wie kaum eine Serie zuvor standen bei Akte X die Autoren im Fokus der Fans - vor allem natürlich Carter selber; dass die anderen Autoren so richtig zu Stars einer Serie wurden, schaffte tatsächlich erst Joss Whedon einige Jahre später. (Was die X-Philes nicht davon abhielt, ihre Autoren bei der Comic-Con-Podiumsrunde zum Jubiläum ebenso zu feiern wie die beiden Hauptdarsteller. (Die im Übrigen auch Folgen geschrieben hatten, und somit saßen da gewissermaßen ausschließlich X-Files-Autoren.)

Die meisten wurden erst später so richtig bekannt: James Wong und Glen Morgan mit Final Destination und (Wong) American Horror Story; Howard Gordon und Alex Gansa mit 24 und vor allem Homeland; Vince Gilligan mit Breaking Bad. (Und damit gehen allein drei der Emmy-Nominierungen für Beste Serien dieses Jahr zumindest teilweise auf das Konto von Akte-X-Autoren.) Darin Morgan hat leider danach nicht mehr viel geschrieben, ist aber als Produzent immerhin u. A. bei Fringe gelandet. Ich könnte auch Tim Minear (American Horror Story) nennen, aber der hat nur zwei Folgen geschrieben und ist mit Angel, Firefly und Dollhouse doch eher einer von Joss Whedons Stars.


Akte X stand ganz am Anfang dieser seltsamen neuen Zeit, in der Fernsehserien ohne Ende im Internet diskutiert wurden. Bereits früh gab es Messageboards zu der Serie. Vielleicht hat sich deshalb ebenso früh ein breites Interesse dafür eingestellt, wer den Kram eigentlich geschrieben hat, über den man da diskutierte. Die alten Medien konzentrierten sich damals traditionell auf die Stars und vielleicht noch den Erfinder einer Serie, wenn dieser Jemand schon bekannt war - Steven Spielberg fing damals an, Serien zu produzieren, und um Gene Roddenberry kam man auch nicht herum. Inzwischen hat sich das geändert. Es hat sich herumgesprochen, dass zumindest das US-Fernsehen stark von den Autoren bestimmt wird. Und dass es sich lohnt, gute Autoren im Auge zu behalten.

Die Mythologie und die Verschwörungstheorien waren wunderbar und haben die Neunziger Jahre mit Sicherheit interessanter gemacht als sie sonst gewesen wären. Aber was wirklich bleibt, ist eine Begeisterung für gutes Storytelling, das auch mal den eigenen Rahmen sprengt. Für mich als Autor ist das die wichtigere Lektion, die ich aus dem Erfolg der Serie ziehe, mindestens ebensosehr wie aus Joss Whedons Serien. Das und vielleicht mein Faible für weibliche Hauptfiguren.

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